Beide sagen, sie seien aus Interesse nach
Staufen gekommen, rein privat. Doch beide geben auch ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, dass sie hier in einer halbprivaten Atmosphäre sprechen und niemand von der Stadt erschienen ist. Gudrun Seidl, Journalistin und Veranstalterin des Treffens, behauptet: „Man hat mir große Schwierigkeiten bereitet.“ Geplant war wohl, dass Wolfgang Schuhmann, Gründer der Spendeninitiative „Wir halten Staufen zusammen“, an der Veranstaltung teilnimmt. Die Runde sieht Schuhmann draußen auf dem Marktplatz sitzen. Ins Café hinein kommt er nicht. Auch die Sprecher der
Interessengemeinschaft der Riss-Geschädigten (IGR) sind nicht da. In einer Pressemitteilung der IGR heißt es: „Wir sind bemüht, zusammen mit der Stadt einen gemeinsamen Lösungsweg zu suchen.“ Was von Englert vorgetragen wird, kann daher nicht in ihrem Sinne sein. Redet der Professor doch nicht Zusammenhalt und Gemeinsamkeit das Wort, sondern der Konfrontation. Englerts Rat an die 200 privaten Geschädigten: Gutachter bestellen, Schäden taxieren lassen, Stadt mit Zehn-Tages-Frist auffordern, die
Schäden zu beheben, Klage einreichen, wenn die Frist verstreicht. „Alle die, die diesen Weg noch nicht eingeschlagen haben, verschenken Geld“, sagt der Professor. Damit meint er ihren Verzicht auf die Verzugszinsen in Höhe von knapp zehn Prozent jährlich auf die vom
Gutachter festgestellte Schadenssumme. „Ich kann nicht verstehen, warum die Stadt den Betroffenen finanziell nicht hilft, sie muss doch ein Interesse daran haben, dass so früh wie möglich saniert wird“, sagt Englert.
Für ihn ist der Fall Staufen „glasklar“: Die Stadthaftet voll und ganz für die Schäden. Dass die Erdwärme- bohrungen schuld seien, dafür spreche schon die zeitliche und räumliche Nähe der Schäden rund um die im Sommer 2007 gebohrten Löcher. Dem Experten für Baurecht zufolge ist die Beweislast hier umgekehrt. Nicht die Geschädigten müssten beweisen, dass die Erdwärmebohrungen an den Hebungen schuld sind, sondern umgekehrt die Stadt, dass sie es nicht sind. Englert nennt die Erkundungsbohrung „rausgeschmissenes Geld“. Auch Goldscheider hält nichts von ihr. Im Hinblick auf die zur Zeit diskutierten Verfahren, die Bohrlöcher hinter dem Rathaus zu sanieren, umso die Hebungen zu stoppen, sagt er: „Ich bin da sehr pessimistisch.“ Sich einzugestehen, „dass nichts zumachen ist, ist auch eine Option“, meint der Geologe. Besser erst gar kein Geld hier investieren. Besser es gleich in die Sanierung der Häuser stecken und sie immer wieder neu herrichten, bis eines Tages die Hebungen aufhören. In der Gemeinderatssitzung am Abend wird Bürgermeister Michael Benitz gefragt, warum er die Veranstaltung nicht besucht und auch die Geschädigten nicht dazu eingeladen hat. Benitz spricht von einem „Nebenkriegsschauplatz“ und davon, dass „solche Symposien der Sache nicht dienlich sind“. Seine Sache sei das Zustandebringen einer „politischen Lösung“, keiner juristischen. Am Freitag war der Vorsitzende der grünen Landtagsfraktion, Winfried Kretschmann, in der Stadt. Für den 9. August ist Ministerpräsident Günther Oettinger angekündigt."
Mit freundlicher Genehmigung von „Der Sonntag“, HANS CHRISTOF WAGNER, 2. August 2009
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